Asien-Europa-Nordafrika-Reisen

Gedanken und Zitate – Christoph Schlingensief:

Zusammengestellt aus Reden, Interviews und persönlichen Gesprächen anlässlich der Grundsteinlegung zum Operndorf am 8.2.2010.

Seit 1993 bin ich immer wieder in Afrika gewesen. Ich habe hier Einsichten gewonnen, die ich zu Hause schon längst verloren hatte. Aber was war das genau? War das nur die Erwartungshaltung eines aufgeklärten Europäers und Touristen? Oder war das doch eine Kraft, ein ursprünglicher Lebenswille? In Afrika fand ich immer alles viel direkter, greifbarer. Manchmal war es so hart, dass ich gleich wieder abreisen wollte, zurück ins deutsche Schneckenhäuschen. Aber Geborgenheit sieht anders aus. Als ich 2009 auf der Suche nach einem Ort für das Operndorf Afrika nach Burkina Faso kam, habe ich Geborgenheit in reiner Form erlebt. Ich besuchte eine Schule, die der Architekt Francis Kéré zusammen mit den Einwohnern in seinem Heimatdorf Gando gebaut hatte. Die Lehrer und die Kinder hatten eine unglaubliche Kraft, und sie strahlten mit jeder Faser aus, dass sie diese Kraft gerne mit anderen teilen wollten.

Burkina Faso hat seine Probleme, so wie Deutschland seine Probleme hat. Fragen der gerechten Verteilung sind an der Tagesordnung und viele glauben, dass Politik keine Hilfe mehr leistet. Wir haben also die Chance darüber nachzudenken, welche Hilfe die Kunst leisten könnte. Kunst hat mehr zu bieten, als nur l´art pour l´art zu sein. Kunst ist im besten Fall ein Organismus, in dem sich

Leben mit Leben verbindet und aus dem so ganz neue Kräfte entstehen. Das Verhältnis zwischen den Menschen sollte das größte  Kunstwerk sein.

Was im Operndorf passiert, ist viel schöner anzusehen, als dieses abgehobene Zeug in der Kunstszene. Und was soll das für eine Kunst sein, die keinen Zugang mehr hat, keinen mehr rein lässt und die auch nicht aus sich herauskommt? Hier geht es darum, eine Kunstplattform zu finanzieren, die als Basis funktionieren soll für Kinder und Jugendliche. Damit wir wieder lernen, wie Kreativität entsteht und sich entwickelt. Das ist die Idee des Operndorfs.

Was heißt hier Oper? Der Ort, das Dorf, das wir bauen wollen, ist nicht dazu da, damit hier später Arien gesungen werden oder Symphonieorchester spielen. Meine Vorstellung vom Operndorf ist immer mit der Hoffnung verbunden, dass wir gemeinsam, mit dem Einsatz und dem Geld vieler, diesen Organismus schaffen, der ein Eigenleben entwickelt, durch uns und vor allem durch die Menschen, die dort sind. Das Wort vom Operndorf ist jetzt auf dem Weg durch die Welt. Und damit fängt der Ärger an. Für die Kulturbewahrer, die immer schon im Voraus wissen, wie alles zu laufen hat, klingt das nach dem Größenwahn eines Künstleregos, das sich verwirklichen muss; für die Berufsnörgler nach der privaten Erlösungsidee eines kranken Europäers oder nach Kulturkolonialismus.

Afrika benötigt ganz bestimmt alles andere als ein Opernhaus à la Bayreuth. Die Missverständlichkeit des Projekttitels ist nicht kalkuliert, um irgendwen davon abzuhalten, einen Beitrag zum Aufbau des Operndorfs zu spenden. Sie ist aber willkommen. Denn darum geht es doch: dass wir unsere Begriffe von Kultur, Kunst, Oper usw. neu aufladen. Unsere Batterien sind da ziemlich leer.

Die Kraftzentren liegen woanders. Wir erweitern also den Opernbegriff und lassen einfach mal alle Einschränkungen beiseite, die wir mit Oper verbinden: korpulente Menschen auf opulenten Bühnen, die um den richtigen Ton kämpfen, und Opernkenner, deren ganzes Glück darin besteht, herauszuhören, wann das mit dem richtigen Ton nicht geklappt hat. Damit haben wir nichts zu tun.

Unsere Oper ist ein Dorf, ein sozialer Klangkörper, eine Soziale Plastik. In diesem Dorf ist das Leben die Kunst. Wenn wir also Geld sammeln, um in Afrika ein Operndorf als Kraftzentrum zu bauen, dann sammeln wir das Geld nicht für die Leute dort. Wir sammeln das für uns. Wir sammeln das, damit die Leute vor Ort, denen das Dorf dann gehört und die da autonom leben, in die Schule gehen, Filme drehen, Felder bewirtschaften, Musik machen oder in der Krankenstation arbeiten, uns lehren, zu den kreativen Wurzeln zurückzukehren.

Wir klauen den Leuten jetzt endlich ganz offiziell ihr Kreativpotential, indem wir ihnen Geld geben. Afrika hat spirituelle und kulturelle Schätze, die wir schon verspielt haben. Aber wir können ja gemeinsam mit den Kindern in der Dorfschule noch mal anfangen, zu lernen. Das wäre Entwicklungshilfe zur Selbsthilfe.

Ich fordere uns alle auf, unsere Vorstellungen von Kunst über Bord zu werfen und in den Reichtum eines solchen Ortes zu investieren. Mit der Schule fangen wir an. Sie soll das Zentrum sein. Was für eine Kunst, wenn uns Kinder und Jugendliche, die einen Unterricht besuchen können, an ihrem Wissen teilnehmen lassen! Was für ein Fest, wenn sie ihre eigenen Bilder machen, Instrumente bauen, Geschichten schreiben, Bands gründen. Und was für eine Oper, wenn in der Krankenstation, die wir bauen wollen, ein neugeborenes Kind schreit.

Was für eine Musik! Was für eine Kunst! Was für ein Leben! Es lebe das Operndorf!